Hindergrund und Geschichte

Ilse Middendorf

Als ausgebildete Gymnastiklehrerin war Frau Professor Ilse Middendorf sportlichen Techniken und gymnastischen Körperübungen zwar immer zugetan, aber diese, alleine auf den Körper bezogenen Methoden, konnten sie nicht restlos überzeugen. Auch die Atemarbeit faszinierte sie, aber hier konnte sie sich mit der ausschliesslich willensausgerichteten Art und Weise oder mit den östlichen Praktiken nie ganz anfreunden. So suchte sie nach einer Methode, welche den Menschen in seinen ganzheitlichen Möglichkeiten, in seinem ganzen Sein, in seiner ganzen Tiefe erfassen und bewegen konnte, sowie ihm die Gelegenheit bot, seine volle Kraft und Energie aufbauen zu können. Dabei entwickelte sie ihre eigene Lehre, in deren Mittelpunkt der Grundsatz, den Atem in aufmerksamer Anwesenheit ins Bewusstsein kommen zu lassen, ihn aber nicht willentlich zu beeinflussen, steht.

Es entstand der einfache Grundsatz:

den Atem von selbst kommen lassen
den Atem von selbst gehen lassen
zu warten bis der neue Einatem von selbst wieder kommt

Auf diesem Grundsatz baute sie ihre Atembehandlungsmethoden und eine Vielzahl von Atemübungen auf. Ihre, aus den Bedürfnissen des modernen, westlichen Menschen gewachsene Lehre, hat sie auch entdecken lassen, dass der Mensch mittels Atmung, Sammlung und Empfindung den eigenen Atem erfahren und nachhaltig beeinflussen kann. Die grosse Wirkung dieser Atemarbeit auf die gesamte Persönlichkeit und Entwicklung eines Menschen wurde dadurch deutlich. Schliesslich gab ihre ganz spezielle Art und Weise, mit dem Atem zu arbeiten, ihrer Lehre den Namen:
Der Erfahrbare Atem®.

Atem

Atman – Altindisches Wort für Atem, Seele, Lebenshauch, Weltseele.
Odem – Mitteldeutsches Wort für Atem, Hauch, Geist.
Spiritus – Lateinisches Wort für Atem, Lufthauch, Lebensluft, Seele.
Pneuma – Griechisches Wort für Atem, Hauch, Wind, Geist.
Ruach– Hebräisches Wort für Atem, der göttliche Hauch, Geist, Wind.

Bei allen Völkern aus der Vergangenheit und der Gegenwart finden sich Hinweise und Lehren für die Heilkraft des Atems. In China war die Kunst, Krankeitszustände mittels Atemanwendungen zu behandeln, noch vor der Akupunktur bekannt. In Tibet und Indien führen Yoga-Techniken und meditative Praktiken auf Atemübungen zurück, die der Erhaltung und Wiederherstellung der Gesundheit dienen. Im inneren der ägyptischen Pyramiden und im alten Testament finden sich ebenfalls bereits atemtherapeutische Ratschläge.

In der heutigen westlichen Welt werden laufend Studien verfasst über die Wirkung des Atems. Z.B. hat man herausgefunden, dass bei vertiefter Atmung körpereigenes Endorphin ausgeschüttet wird. Ebenso wird wissenschaftlich untersucht, was in der Meditation und in Achtsamkeitsübungen geschieht bzw. sich verändert.

«Der Atem ist Dein bester Kamerad»

(indisches Sprichwort)

«Der Bauer atmet mit dem Bauch,
der Kaiser mit dem grossen Zeh»

(chinesisches Sprichwort)

Die Chinesen bezeichneten den Atem als königlichen Weg des Heilens. Die Hebräer sehen den Atem als Hauch Gottes an. Gandhi′s Vorname Mahatma heisst nicht nur grosse Seele, sondern auch grosser Atem. Atem ist Leben – er umfasst uns als Ganzes – leiblich und seelisch. Ohne Nahrung können wir einige Wochen überleben, ohne Wasser ca. 3 Tage, ohne Atem aber nur ganz wenige Minuten. Atem ist unser ständiger Begleiter, er gibt uns den Lebensrhythmus an.

Der Atem zeigt uns Polaritäten auf:

Geben und Nehmen
Tun und Lassen
Innen und Aussen

Atem erfahren

Atem ist ein physiologischer Vorgang, er ist ein körperlicher Zustand,
er ist ein seelischer Ausdruck und ein geistiger Vorgang, er ist die Brücke zwischen Körper, Geist und Seele.

Da der Atem nur erfahren und erlebt werden kann, richtet sich die Atem- und Körpertherapie an Menschen, die bereit sind, die Funktion und die Wirkungsweise des Atems über die eigene Erfahrung zu lernen.

Mit Aufmerksamkeit und Sammlung, die der körperlichen Empfindung und dem Atem zugewendet werden, schult der Erfahrbare Atem die körperliche Empfindungsfähigkeit sowie die seelisch-geistige Sensibilität. In der Folge wird das Atemgeschehen seinen natürlichen und ursprünglichen Gesetzmässigkeiten zugeführt. Der Atemrhythmus wird geordnet, die ideale Körperspannung kann entstehen.

Daraus entwickelt sich ein verstärktes Wohlbefinden, das die körperlichen, seelischen und geistigen Kräfte betrifft, diese bereichert und erweitert. Durch Übung der Sammlung auf das «hier und jetzt» wächst die bewusste Anwesenheit, das bewusste «Da-sein» fördert die unmittelbare Selbsterfahrung und führt zum gesuchten Einheitsbewusstsein. 

Vertiefende Informationen
ErgoPoint-Magazin_Atemlos
Kneipp-Magazin_Atem-Pause